Worum es eigentlich geht - Teil I

Veröffentlicht auf von felix.israel.over-blog.de

Vier Wochen sind rum, vier habe ich noch vor mir. Ein Volontärsleben als Abschiedstournee auf der großen Bühne des Lebens. Doch dazwischen heißt es: Innehalten und umsehen. Ein Artikel als Auftakt für eine ganze Abschiedsserie.

 

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                         Gilo - nur ein Hügel zwischen Jerusalem und Betlehem ?


 


Soldatengedenktag, Unabhängigkeitsfeiertag, Holocaustgedenktag, Sinaiurlaub, letztes Seminar, Abschiedsfeier, Studiumsvorbereitungen. Dazu noch eine neue Stadt, neue Arbeit, neue WG, neue Situation. Kaum Zeit zum Atmen. Meine letzten beiden Monate – eine Abschiedstournee vollgepackt mit Terminen.



 Meine restliche Zeit in Jerusalem fühlt sich sehr intensiv an. Irgendwie ist die ganze Stimmung hier in Gilo intensiv. Fast  drückend. Nicht drückend, wie die brennenden Sommertage, sondern drückend bedrückend. Das liegt wahrscheinlich an der Lage.



Gilo liegt 800m hoch,  200m höher als Jerusalem. Schaue ich aus dem Fenster sehe ich in der Ferne die King David Brücke, mit ihrem unverwechselbaren Turm. Direkt daneben die Central Bus Station, wo vor einigen Wochen der Anschlag passierte. Daneben liegt die Neustadt, mit dem modernen jüdischen (Nacht-)Leben. Weiter rechts erblicke ich die Altstadt. Bis vor 44 Jahren noch Jordanien zugehörig. Nach Plänen der PLO die Hauptstadt des zukünftigen Palästinenserstaates.



Gehe ich aus dem Haus und eine Parallelstraße weiter habe ich freien Blick auf Betlehem – A-Zone, Westbank, Palästinensergebiet. Davor die Mauer. Sie erinnert. Ständig. Einerseits an deutsche Vergangenheit, die schon einmal eine Mauer überwunden hat, andererseits an den israelisch – palästinensischen Konflikt, der hier so schwelend und groß wie noch nie scheint. So verhärtet wirken die Fronten. In meinem Kopf schwirren beim Anblick der Mauer sofort Diskussionsfetzen im Kopf herum: „Völkerrechtswidrig“, „Apartheidsmauer“, aber auch „Mauern kann man abreisen, Gebiete wiederherstellen – zerbombte Körper nicht“.

 

 

In Gesprächen erfährt man, dass Gilo als sozialer Brennpunkt gilt. So eine Art Neukölln Jerusalems. Komisch, eigentlich erwarte ich in einer jüdischen Siedlung orthodoxe Siedler, die ihr Land gegen die Araber verteidigen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich große, füllige Männer mit schwarzen, langen Mänteln. Ihr Gesicht ziert ein fülliger Bart und die charakteristischen Schläfenlocken. Neben ihnen geht eine Frau mit Perücke, Rock und sechs bis sieben Kindern an der Hand. Der Kinderwagen nicht mitgezählt. Doch stattdessen sehe ich Goldketten, Unterhemden, Zigaretten und Kampfhunde. Am Schabbatabend spielen wir mit Arabern im Gilo – Park Fußball.

 


Gilo liegt zwischen all diesen Extremen, nah dran, aber doch so fern. Nach internationalem Recht eine (illegale) jüdische Siedlung. Wir leben hier hinter der so genannten „Green Line“, der Waffenstillstandslinie vom Unabhängigkeitskrieg 1949. Nach israelischem Recht ist es ein Jerusalemer Stadtteil mit Krankenhäusern, Autistenwohnheimen, einer Mall und einer Post. Was ebenso in einen Stadtteil gehört. Die Busse fahren hier ganz normal, nichts scheint die Menschen hier an ihrem sonderbaren Status zu stören. Wenn es nach Präsident Obama geht, ist Gilo bald Teil des Palästinenserstaates. Nur: Hier leben kaum Araber. Und wohin mit all den Juden? Immerhin hat Gilo knapp 30.000 Einwohner. Dies sind noch ungelöste Fragen.

 

 

So habe ich neben einer persönlichen auch eine Blogabschiedstournee. In den nächsten Teilen von "Worum es eigentlich geht" werde ich einen Blick auf all diese ungeklärten Fragen werfen. Hierbei werde ich die Geschichte Israels und die Zankäpfel des Konflikts näher beleuchten.

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