Möchtest du in meinem Leben sein?

Veröffentlicht auf von felix.israel.over-blog.de

Meine neun Monate in Petach Tikwa sind rum. Ich verlasse nun das Schekel und schlage für zwei Monate meine Zelte in Jerusalem/Gilo auf. Zeit für Fragen zur Selbstreflexion.

 

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Neuer Wohnort, alte Fragen

 


„Jaja, weißt du noch damals?“. „Wie schnell doch die Zeit vergeht.“

So oder so ähnliche Floskeln hört man immer wieder, wenn ein Volontär sein Ende in Israel näher rücken sieht. Mein Ende ist um Glück noch nicht gekommen. Nun ja zumindest halb. Mit gepackten Koffern ging es den vertrauten Weg von Petach Tikwa nach Jerusalem. Hier finde ich für weitere zwei Monate meine neue Heimat im Autistenwohnheim „Beit Or“ (Haus des Lichts).


Doch vor dem endgültigen Verlassen meiner alten Heimat steht noch der letzte Arbeitstag an. Mit Bauchschmerzen verbringe ich diesen eher schlecht als recht. Danach muss ich die elendige Pflicht des Packens hinter mich bringen. Beim Ausräumen meines Zimmers komme ich nicht wirklich voran. Immer wieder halte ich inne und reflektiere meine bisherige Zeit.


Was war mir wichtig in den letzten neun Monaten? Was habe ich alles erlebt? Habe ich mich verändert? Wenn ja, wie? Wie habe ich meine Umwelt wahrgenommen? Dabei kommt mir eine Sache immer wieder in den Sinn: Die israelisch/offene Mentalität.


Das fängt dabei an, sich mit jemandem zu unterhalten, wenn man an der Bushaltestelle wartet. Wann bin ich das letzte mal in Deutschland angesprochen worden wer ich bin und was ich hier mache? Hier in Israel ist das durchaus keine Seltenheit. Nun lässt sich die israelische Fragementalität durch den Umstand meines Volontariats und meiner Nationalität erklären.


Doch diese offene Haltung lässt sich auch im Alltag der Israelis untereinander erkennen. „Ach du hast das Problem? Der Großneffe des Cousins meines Schwagers kennt da wen, der kann dir helfen.“ Man fragt nicht nach Hilfe, sondern jeder steht jedem mit Lösungen zur Seite. Das kann manchmal ziemlich aufdringlich wirken, aber nach einer Zeit ist es sehr hilfreich.


Ein zu erwähnendes Beispiel ist hierfür unsere Freundin Odelia. Sie wohnt mit ihrem Mann, David, und ihren beiden Kindern bei uns im Haus und studiert Fototheraphie in Jerusalem. Eines Tages stand sie plötzlich vor unserer Tür und fragte ob sie uns fotographieren dürfe. Sie bräuchte das für ihr Studium, sagte sie. So wurde aus einer kurzen Fotosession eine lange politische Diskussion.


Es folgten noch zwei „Fototermine“. Anschließend wurden wir spontan zu einer „Mimuna“ (ursprünglich marrokkanische Juden feiern das Ende der Pessachwoche mit einem riesigen süßen Buffet) eingeladen. Die Frau von Odelias Neffe, hatte zur Feier geladen. Es folgten weitere anreichernde Gespräche, die zeigten wie wichtig unsere Arbeit auch für die zwischenmenschlichen „Brücken“ sind.


Am nächsten Tag ging ich mit den beiden Kindern von Odelia (drei und fünf) auf den nahe gelegenen Spielplatz. Noch am selben Tag kam die Anfrage ob man nicht eine Nacht lang Kinder und Wohnung hüten könne. Diese Umstände passierten so schnell, aber sind doch so aussagekräftig. Wir waren keine Bekannten mehr, wir waren Freunde. Odelia vertraute uns.


Wir kennen sie vielleicht einen Monat, davon zwei Wochen mehr oder weniger intensiv und doch hat sie so ein Vertrauen in uns entwickelt, dass sie uns alleine in ihrer Wohnung mit ihren Kindern lassen würde. Man wird hier nicht wirklich gefragt: „Möchtest du in meinem Leben sein?“. Man wird selbstverständlich darin aufgenommen. Odelia ist hierbei nur eines von vielen Beispielen.


Beim Abschied sagte sie: „Felix, wann immer du ein Problem in Jerusalem hast, ruf an. Ich bin in 40 Minuten da.“ Ich hielt das der Entfernung halber für einen Scherz und grinste sie an. Ihr Lächeln verflog von ihrem Gesicht und sie fügte mit Nachdruck hinzu: „Ich meine es Ernst. Wir sind Freunde!“


Ich hoffe, zukünftig auch in Deutschland solche tollen Erfahrungen machen zu können. Denn wenn es um das Thema Vertrauen und Offenheit geht, möchte ich nicht sagen müssen: „Weißt du noch damals?“


 

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Dabsel, Ich, Odelia, Rahel und David

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