Eine Audienz bei König Fußball

Veröffentlicht auf von felix.israel.over-blog.de

Nach acht Monaten in Israel dachte ich, ich kenne das Land. Doch beim Fußball ist alles anders. Man lernt viele neue Seiten an der Mentalität kennen. Oder auch nicht. Ein Bericht vom EM – Quali Spiel Israel – Georgien.

 

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Der Ort ist bereitet. Bloomfield Stadium Tel – Aviv Jaffo. Der fußballtreue Beobachter sieht auf den ersten Blick: Dies ist keine moderne „Fußballarena“ wie in Europa. Es erinnert mehr an das Millerntor der Kiez-Kultkicker vom F.C. St. Pauli. Hier wird keine Fußballfeinkost angeboten -  es sieht alles nach kaltem Buffet aus.

 

Schon vor dem Spiel liegt ein Knistern in der Luft. Es liegt leider nicht an der gespannten Vorfreude, die fast greifbar scheint. Was den Deutschen die gute alte Stadionwurst ist, sind hier nach südländischer Tradition die Sonnenblumkerne. Jeder Zweite, wenn nicht sogar drei von vier saßen im Stadion und knackten die kleinen schwarzen Kerne. Was zurück bleibt ist ein Meer aus Sonnenblumkernschalen.

 

Die Mannschaften laufen ein, es wird Ernst. Im Block neben mir eine Fanchoreographie. Von oben wird ein Transparent mit vielen kleinen Israelfahnenstreifen heruntergerollt. Dazu die vor dem Anpfiff verteilten blau-weißen „Applausstäbe“. Hinterm Tor schwenkt der Ultras Block blau-weiße Fahnen. Gänsehautatmosphäre.

 

Dann ist es soweit. Die Hymnen erklingen. Mit den ersten Klängen der Ha Tikwa (Video rechts in der Leiste) wird die Hymne vom Band sofort leiser. Man überlässt das Singen den 15.000 Fans auf den Tribünen, denn die wissen was zu tun ist. Inbrünstig wird der Text auf den Rasen geschmettert, ja fast schon überschwänglich geschrien. Danach schier grenzenloser Jubel und Fangesänge. Das Fußballfest ist bereitet.

 

So vielversprechend wie die Stimmung eben noch war, so erstaunlicher ihr Verlauf. Es ist wirklich keine Fußballfeinkost die geboten wird.  Einzig Almog Cohen vom 1. F.C. Nürnberg fällt positiv auf. An allen gefährlichen Situationen beteiligt und nimmermüde rackernd gefällt er als israelischen Mittelfeldmotor. Neben dem Spiel schlafen auch die Fans fast ein. Nur die unermüdlich auf und ab hüpfenden „Ultras“ hinter dem Tor geben keine Ruhe. Vor lauter Gehüpfe stört es sie anscheinend auch nicht, dass ihr Inhalt ihrer Sonnenblumkerntüte sich ungekaut auf dem Boden verteilt.

 

Und dann passiert das, worauf alle gewartet haben. Toooooooooooooor für Israel. Der Geräuschpegel steigt ins schier unermessliche. Sonneblumkerne fliegen durch die Luft. Das ganze Stadion scheint auf und ab zu hüpfen. Angetrieben vom Ultras Block hinterm Tor setzten jetzt auch wieder die Fangesänge ein. Ich möchte gerne mitrufen und höre erst mal genau hin. Aber, kann das sein? Nein, das würden sie nicht tun. Oder doch ?

 

„Israel – Milchama“ schreien sich die vier Tribünen im Wechselgesang entgegen. „Israel – Krieg“ höre ich immer wieder und mit jedem Mal rückt  das Spielgeschehen immer weiter weg von mir. Vielleicht oder sogar wahrscheinlich ist der Gesang nur auf das Spiel auf dem Rasen gemeint. Anscheinend der Lieblingsgesang der Israelis zu sein und wird von nun an alle fünf Minuten angestimmt. Mulmig ist mir trotzdem zumute. Wahrscheinlich auch deswegen weil im Ultras Block viele Soldaten stehen. Die laufen grundsätzlich in Israel immer in Uniform rum.

 

Doch meine Gedanken haben nicht allzu lange Zeit abzuschweifen. Wer dachte das Tor wäre das Höchste der Gefühle, der kennt das israelische Fanvolk schlecht. Es ist soweit. Yossi Benayoun, der einzige „Star“ des israelischen Fußballs wird eingewechselt. Der Mittelfeldspieler vom F.C. Chelsea aus London war verletzt und jetzt gönnt ihm der Trainer noch einige Spielminuten. „Der Messias kommt“ ruft hinter mir einer. Standing Ovation bei seiner Einwechslung und das ganze Stadion singt „Yossi Benayoun oho“. Welche Bürde für ihn, denn die Erwartungen sind wenig real. Von ihm wird nichts anderes erwartet als Israel ins gelobte Fußballland zu führen.

 

Wurden bisher jeder Ballverlust und jeder Pass, der nicht Richtung gegnerisches Tor ging, mit einem nervösen Stöhnen begleitet, hat Benayoun bei jedem Ballkontakt, egal ob Ballverlust oder Rückpass zum Torwart, die Jubler auf seiner Seite. Eine Pirouette von ihm wurde fast lauter bejubelt als das Tor. Die letzten zwanzig Minuten steht das ganze Stadion und macht Lärm, dass man die direkt über das Stadion fliegenden Flugzeuge nicht mehr hört.

 

Irgendwann ist auch mal das kurioseste Fußballspiel zu Ende und mein Kopf tut weh, bei all den erlebten neuen Eindrücken. Was bleibt also? Zumindest die Erkenntnis, dass der Messias Fußball spielt und Israel der EM drei Punkte näher ist.

 

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Auf die Schnelle noch eine kurze Info: Ich habe beschlossen mein Hagoschrimmandat bis Ende Juni zu verlängern. Hierzu werde ich auch einen Tapetenwechsel vornehmen. Ab Anfang Mai fange ich an im Autistenwohnheim "Beit Or" - Haus des Lichts in Jerusalem, zu arbeiten. Meine  Entscheidung für den Wechsel liegt nicht daran, dass ich mich in Petach Tikwa bei meiner Arbeit/WG nicht wohlfühle. Aber für mich ist es Zeit für etwas Neues. Ich möchte gerne eine neue WG/Stadt/Arbeit kennenlernen.


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