Die Freuden der Pflicht

Veröffentlicht auf von felix.israel.over-blog.de

So ein Volontärsleben ist nicht immer einfach und oft gerät das außer Acht, worum es eigentlich geht. Doch ist die Besinnung darauf weit mehr als bloßer Arbeitsalltag.


 

Ich lese zur Zeit ein Buch. "Deutschstunde" von Siegfried Lenz. In dem deutschen Nachkriegsroman geht es um  Siggi Jepsen, der in einer Anstalt für Schwererziehbare einen Aufsatz zum Thema "Die Freuden der Pflicht" schreiben soll. Hierbei denkt er an seinen Vater, der 1943 das Malverbot der Nazis an einem befreundeten Maler überwachen soll. Siggi hat aber so viel in seiner Vaterbeziehung aufzuarbeiten, dass ihm kein Anfang gelingen will und er  ein leeres Heft abgibt. Daraufhin wird er in eine "Einzelzelle" gebracht, wo er so lange bleiben soll, bis er den Aufsatz vollendet hat.


 

Auch ich winde mich schon seit langem einen Bericht über meine Freuden der Pflicht zu schreiben. Denn vor Allem Kommentare wie: "Laut deinem Blog bist du ja nur am Reisen", oder "Du hast ja auch ganz nette Bilder auf deinem Blog", lassen mich jedesmal verzweifeln.



 

Nun ist der Alltag meistens nicht so beschreibenswert und auch atemberaubende Wüstenbilder kann er nicht liefern. Doch dieser "Alltag" ist nun mal genau das, weswegen ich hier bin. Ich bin schließlich nicht mit Tui Tours in Israel, sondern mit Dienste in Israel.


 

Sich selbst darauf zu besinnen fällt manchmal wirklich schwer und nicht alle Volontäre schaffen das, ich selbst hatte lange Zeit meine Schwierigkeiten. Auch lockt einen dieses unglaublich schöne Land, das von Bayrischerr Berglandschaft , über Steinwüste, zu Heiligster aller Heiligen Städten, bis hin zum Glasklaren Taucherparadies alles bereit hällt, was sich ein reisefreudiger Volo wünschen kann.

 

Natürlich geht es hier darum das Judentum und dieses größten aller menschlichen Konflikte um dieses Land zu verstehen. Aber was immer deutlich werden muss, wenn man erzählt warum man hier ist und was man hier macht, sollte man Zeugnis davon geben, dass man einen Dienst leistet.

 

 

Egal ob man von einem Trip wiederkommt oder morgens aufsteht. Man muss es sich jeden Tag vor Augen halten warum man hier ist. Dann wird diese Arbeit kein bloßer Alltag.

Denn die Arbeit mit den Kindern macht natürlich nicht immer nur Spaß und eine volle Windel  um 6.00 Uhr am Morgen, vertreibt eher nicht Kummer und Sorgen, sondern neigt dazu einen fluchend den Waschlappen zu holen. Vor Allem wenn der beteiligte Akteur sein Verdauungsergebnis mit den Füßen an seinem Körper und der Bettmatratze zu verteilen ersucht und sich uneinsichtig daüber zeigt, dass mir das nur halb so viel Spaß macht, wie ihm.

 

Damit ihr wisst was ich sonst so mache, wenn ich nicht reise  nun ein ganz normaler Tag in Petach Tikwa:

 

 

Meistens beginnt mein Tag morgens um halb sechs mit dem seichten Klingeln meines Weckers. Ich gönne mir und meinem Wecker noch eine kleine Pause, sodass ich um fünf vor sechs mein geliebtes Bett verlasse. Um "Punkt Sechs" beginnt die Arbeit und wir Volos betreten pünktlich zu spät um zehn nach das Schekel. Zum Glück schlafen die beiden Worker der Nachtschicht meistens selbst noch und auch Köchin Mona, die ein redseliges Verhältnis zur Chefin hat, schlägt erst um 6.30 Uhr auf. 


 

"Boker tow le kulam - Guten Morgen alle" betrete ich den Raum von Shy Resnik und Shy Shuker und werde mit einem freudigen Lachen Shy Resniks und einem dumpfen "Tow" von Shy Shuker begrüßt. Also schnell die alte Windel weg, zwei neue drauf, Hose, Shirt, Pulli und momentan noch ne Jack obendrauf. Einfacher gesagt als getan, denn einige unserer Bewohner haben so starke Armspastiken, dass man beim bloßen Betrachten des Shirt und des Körpers auf den es soll denkt: Niemals. Am Ende passt es dann doch immer. Also fluchs unseren Freund in den Rollstuhl gehoben und noch etwas Parfüm. Zähne putzen nicht vergessen. Dieser Ablauf dauert je nach Bewohner zwischen 10 -  30 Minuten. Zum krönenden Abschluss dann noch Betten machen, Dreckswäsche rausbringen und Müll entsorgen.

 

 


Was wäre der Morgen ohne eine schöne Überraschung? Diese gibt es im Zimmer von  Shy Klein. Entweder er ist super drauf und fragt einen gefühlt alle 30Sek. wie es einem geht und das er einen sehr gern hat, oder aber er ist ganz mies drauf und erinnert sich auch alle 30Sek. das er heute in die Schule geht, wo er absolut nicht hinwill. Dann beleidigt er durchgehend seinen Zimmernachbarn Mati oder alle sonstigen Bewohner mit "Fuja" (Pfui), "Chara" (Scheiße) oder "Duba" (Fettsack).

 

Nachdem um acht alle Bewohner das Haus verlassen haben, gönnt man sich noch schnell ein Schekel Frühstück (Instant Caffee und Weißbrot mit Nutella Verschnitt) und auf in den ULPAN (Sprachkurs)

 

Nach einer lustigen und lehrreichen Einheit mit unserer Lehrerin Nawa ist man um 13 Uhr wieder zu Hause und eigentlich hat man für den Tag schon viel geschafft - man ist ja auch schon sieben Stunden am schaffen. Doch um 15 Uhr folgt die folgenschwere Erkenntnis: Arbeit steht vor der Tür. Genau jetzt.

 

 

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                   Volos bei der Arbeit - kleine Pause

 

 


 

Wieder "pünktlich" um 15.10 Uhr schlagen wir im Schekel auf, und laden unsere Bewohner aus dem Rollstuhltaxi und heißen sie nach der Schule herzlich willkommen im wunderbaren "Beit Schekel". Proteste unserer Chefin Marta ("Guys you're too late. Yoe're living 5 minutes from here and you have bikes") wurden in der Vergangenheit so erfolgreich überhört, dass sie schließlich aufgab uns zu maßregeln.

 

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                   Unser Arbeitsplan - da weiß jeder was zu tun ist

 

 

 

 

Also geht es an die Arbeit. heißt es den ganzen Ablauf von heute Morgen nur rückwärts.  Wenn dann alle im Bett sind gönnt man sich eine kleine Pause. Aber um 17 Uhr gehts dann weiter. Diesmal der Zyklus raus aus dem Bett und rein in den Duschstuhl.

 

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                                       Lukas in der Dusche


 

 


Meist hat man am Tag ca. eine Stunde wirkliche Beschäftigungszeit mit den Bewohnern. Recht wenig denkt man sich. Aber nicht wenn 16 Leute gleichzeitig unterhalten werden wollen. Zur Grundunterhaltung läuft der israelische MTV Verschnitt "24"  ("Essrim we-Arba). Der Sender heißt vermutlich so, weil die Israelis ihn wirklich 24 Stunden am Tag gucken - mit gefühlten 240 Dezibel! Von der Art der Musik, kann man sich hier und hier überzeugen. (Letzterer ist gefeierter Winterhit o.O) 

 

Eine weitere Form der Unterhaltung bietet Eden. Sie ist Shy Kleins beste Freundin und verteilt im Schekel Lachanfälle, indem sie entweder andere Bewohner erfolgreich imitiert,   jeden beschimpft oder jeden mit "Mottek - Schatz" oder "Chamud - Süßer" liebkost.

 

 

In der Beschäftigungszeit malen wir, oder wir gehen spazieren, oder wir ergeben uns der Sinnlosigkeit und freuen uns mit den Bewohnern über jedes neue eingespielte Lied auf "24".

Punkt 19 Uhr steht dann das Essen auf dem Tisch. Wieder einmal Shy Klein sorgt für die Unterhaltung. Hat er heute Lust auf Essen oder nicht? Falls ja, muss bei mindestens jedem Löffel bejaht werden, dass man es auch wirklich sehen will, wie er alleine essen kann und bevor man nicht bis drei gezählt hat, geht kein Bissen runter. Das alles kostet neben Zeit auch schon mal eine ganze Menge Nerven.

 Sollte er jedoch keine Lust auf Essen haben, bräuchte man schon sehr gute Argumente um ihn dazu zu bewegen. Neueste ernährungsspezifische Untersuchungen, dass Essen dem Körper eher hilft als schadet, lässt er hierbei jedoch nicht durchgehen.

 

 

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                                        Lukas spielt

 

Sind alle Bewohner versorgt,  Essen wir die Reste (nicht die vom Teller) und machen uns an den Telefonmarathon. Nun ist die sentimentale Zeit gekommen, wo die Bewohner zu Hause anrufen. Die Meisten sind hinterher sehr glücklich, weil sie jetzt wissen, wann sie in der Woche nach Hause gehen. Meist am Freitagabend zum Schabbatessen mit der Familie. Andere jedoch lassen dicke Tränen des Heimwehs kullern.

 

Um 20 Uhr wird dann die Endphase eines erfolgreichen Arbeitstages eingeläutet und man beginnnt die Bewohner ins Bett zu bringen und hinterher alles aufzuräumen und zu säubern. Meistens hat man Glück und kann pünktlich um 21 Uhr die Heimreise antreten.

 

 

Ich hoffe ihr kontet einen kleinen Einblick gewinnen, wie mein Alltag aussieht und das es eben die meiste Zeit nicht Reisen und tolle Abenteuer sind, die mein hiesiges Leben bestimmen.

Aber der Alltag ist nicht minder toll :)

 


Jeoch wird schon der nächste Bericht in  Richtung Reisen gehen, denn mein Cousin Falk kommt aus dem fernen Liberec angereist und wir werden zusammen ein wenig das Land unsicher machen

 


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mama von dabsel 05/18/2011 21:01


echt witzig und interessant geschrieben.
weiterhin viel freude in israel


dabsl 02/15/2011 19:42


kolla kawott lecha, echt gute beschreibung!!!


spielt keine rolle 02/12/2011 00:41


Vielen Dank für deine Antwort! Das ist wirklich nett, danke


Spielt keine Rolle 02/06/2011 00:32


Hallo!
Weiter oben schreibst du: "(...) man muss sich jeden Morgen vor Augen halten, warum man hier ist." Ich habe den ganzen Artikel gelesen, aber leider weiß ich nicht warum du da bist. Du kennst mich
nicht, ich kenne dich nicht- aber ich bin zufällig auf deinen blog gestoßen und finde interessant, was du schreibst. Vieleicht kannst du mir die frage nach dem warum beantworten?


felix.israel.over-blog.de 02/10/2011 08:06



Sehr geehrter spielt keine rolle,


bei einem Einsatz mit "Dienste in Israel" begegnet einem häufig das Motiv der Brücken.


Die Volontäre vor Ort wurden von den einheimischen Juden "Die Brückenbauaer" genannt, woraus sich der hebräische Name "Hagoschrim - Die Brückenbauer" ableitet.


Was wir hier machen und warum wir hier sind: Brücken bauen.


Brücken zwischen Deutschen und Israelis im Allgemeinen und zwischen Christen und Juden im Speziellen.


Warum keine Araber bzw. Moslems erwähnt werden? Es ist durchaus nicht so - wie oftmals falsch angenommen - das Hagoschrim etwas gegen Araber oder Moslem hat, wir sind nur einfach ncht für sie
hier. Klingt hart, ist es aber nicht. Denn in der Realität hat man natürlich viel mit Arabern zu tun und baut auch Verbindungen (Brücken?!) zu diesen auf. Aber unsere Wurzeln ("Schoräsch") sind
nun mal die Juden und um die geht es uns speziell bei unserem "Auftrag" vor Ort.


Denn darum geht es. Wie unser Gründer Herr Maschke (siehe Zitatbox) schon gesagt hat, geht es darum, seine Wurzeln zu erkennen, um seine Zukunft bestimmen zu können.


 


Für unseren Sendungsbefehl aus uns selbst heraus, füge ich nun einmal zwei Bibelzitate an, die das vielleicht besser ausdrücken können:


 


"Was ihr getan habt, einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan"


(Mt 25, 40a)


 


"Tröstet, tröstet mein Volk!" (Jes 40, 1)


 


Ich hoffe ich konnte deine Frage nach dem "Warum", zumindest meinem "Warum" beantworten.


 


MFG Felix