Der mit dem Buch spricht

Veröffentlicht auf von felix.israel.over-blog.de

Wie alle Menschen, haben auch unsere Bewohner einen eigenen Kopf und verschiedenste Wünsche. Doch nicht alle können diese äußern, denn nicht alle können sprechen. Doch Einer ist anders besonders. Er spricht mit einem Buch.

 

20.-Woche-7833--1600x1200-.JPG

Für manche ein Buch, für andere das Tor der Seele 

 

 

"Wenn man um die 20 ist zieht man zu Hause aus und erobert die Welt". So oder so ähnlich lautet die Vorgabe für die meisten Jugendlichen. Auch auf unsere Bewohner trifft das durchaus auch zu. Ein interessantes Beispiel ist unser Ältester. Gestatten, Shy Schuker, 32 Jahre alt.  Seine ersten 20 Lebensjahre haben ihn seine Eltern zu Hause gepflegt. Doch dann war sein Vater zu alt und er bereit in unser Behindertenhostel zu ziehen.

 

Je mehr man mit Behinderten arbeitet, desto mehr fängt man an sich für ihre Geschichte und ihre Umstände zu interessieren. Man lernt, dass es auch innerhalb einer Behindertengruppe Unterschiede gibt, die man nie für möglich gehalten hätte.Behinderte werden in Behinderungsgrade eingeteilt, was auch mit dem Intelligenzquotienten zusammenhängt. Hier wird in vier Stufen unterteilt, wobei Gruppe eins die geringste Behinderung und den höchsten Intelligenzquotienten attestiert.


Bei Shy wurde in seiner Jugend ein Test gemacht und er wurde in Stufe 4 eingeteilt.  Er hat durchgehende Spastiken in Beinen und Armen und ist nicht in der Lage zu sprechen. Er wurde abgestempelt. Zu dumm, zu stark behindert – für immer ein schwerer Pflegefall! Doch manchmal lohnt es sich genauer hinzugucken.


Als er mit zehn Jahren eingeschult wurde, hat man angefangen mit ihm zu arbeiten. Ihm wurde beigebracht sich auf einem Blatt Symbole zu merken und über diese zu kommunizieren. Mittlerweile kann er knapp 700 Symbole auswendig. Bei den jährlichen Tests schnitt er plötzlich immer besser ab, denn nun konnte er sich ausdrücken und mit seiner Umwelt kommunizieren.


So wurde er von der schwersten Behinderungsstufe zur Stufe 1 aufgestuft. Plötzlich war er nur „mindly retarded“, hatte einen hohen IQ und nahm sich und seine Umwelt bewusst war. Das tut er so stark, dass er reflektieren kann, dass er behindert ist und manchmal deswegen sehr schlechte Laune hat. Stress mit seiner Freundin oder seiner Ex-Freundin drücken ebenfalls auf seine Stimmung.


Will er nun mit einem reden, weil er Hunger hat oder nur um einen Schwank aus seiner Jugend zu erzählen, macht er sich mit einem dumpfen „Pe“ (Mund) bemerkbar. Dann zeigt man ihm das Buch und fragt auf welcher Seite das gewünschte Symbol steht. Man schlägt die entsprechende Seite auf und fragt nach der Unternummer und dann geht man die Reihe entlang, bis man das entsprechende Symbol gefunden hat. So entstehen ganze Erzählstunden mit ihm.

 

Meist lernen wir dabei noch von ihm hebräische Wörter und Grammatik, doch auch das Deutsche ist ihm nicht fern. Schon nach wenigen Wiederholungen beherrscht er inzwischen „Bitte“, „Ja“, „Nein“, „Wie geht’s“ und „Gut“.


Wer weiß wozu er noch in der Lage gewesen wäre, hätte man früher, genauer hingeschaut.

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:

Kommentiere diesen Post